Interviews

Drei Fragen an Daniel Speck

Magazin-Grafik mit Daniel Speck

Zehn Jahre nach dem Erfolg von Bella Germania führen Sie die Leser*innen wieder zurück nach Italien. Worauf gründet Ihr Interesse an diesem Land?

Ich habe in Rom Filmgeschichte studiert. Das war vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Visconti, De Sica, Antonioni und Fellini haben meinen Blick auf die Welt geprägt. Die Autoren des Neorealismo waren Humanisten, die über die Verflechtung von individuellem Schicksal und sozialen Verhältnissen erzählten: Die Familie als Mikrokosmos der Gesellschaft. Rocco und seine Brüder waren eine wichtige Inspirationsquelle für Bella Germania. Und in Villa Rivolta feiere ich meine italienischen Lieblingsfilme, wenn die Protagonisten ins Kino gehen – und in den Filmen ihrer Zeit einen Spiegel für ihr eigenes Leben finden.

Villa Rivolta ist inspiriert von der Lebensgeschichte des (noch lebenden) Mailänder Automobilunternehmers Piero Rivolta. Erzählen Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte? 

Als Bella Germania 2018 auf Italienisch erschien, haben wir die Premiere in Mailand gefeiert – in den alten Fabrikhallen von Iso Rivolta, wo die Isetta gebaut worden war. Piero Rivolta, der ehemalige Firmenchef, hatte mit Vergnügen mein Buch gelesen und reiste aus den USA an, um es mit mir vorzustellen. Danach lud er uns zum Aperitif in seine Villa ein, die direkt hinter der Fabrik steht – seit Jahrzehnten unverändert. Ein magischer Ort unzerstörter Schönheit. Dort fragte Piero mich, ob ich seine Lebensgeschichte aufschreiben möchte – und über die nächsten Jahre trafen wir uns immer wieder. Er erzählte mir sein Leben, und ich entwickelte daraus ein erstes Gerüst für den Roman. Es folgten Gespräche mit den Nachfahren seiner Mitarbeiter ... und die Idee, die Symbiose unterschiedlicher Gesellschaftsschichten auf engstem Raum als einen Mikrokosmos der italienischen Nachkriegszeit zu erzählen – sozusagen ein Downton Abbey im Mailand der 1950er und 1960er.

Ein Hauptmotiv des Romans ist fortunato und sfortunato, also »vom Glück begünstigt« und »vom Pech verfolgt«. Wo liegt der Ursprung für diese Haltung? 

Das ist ein sehr sizilianisches Konzept – nämlich, dass Glück und Unglück uns schicksalhaft in die Wiege gelegt wurden. Im Gegensatz zur Idee, jeder sei seines Glückes Schmied. Der Sizilianer ist immun gegen den Fluch der Selbstoptimierung – dass jemand also scheitert, weil er sich nicht genug angestrengt hat. Andererseits kann er sich schon mal, ohne eigene Schuld, das Böse Auge einfangen – nur, weil ein Nachbar neidisch auf sein Glück ist. Mailand mit seinen Autofabriken war in den 1960ern das Versprechen, nicht durch Fortuna, sondern durch harte Arbeit den sozialen Aufstieg zu schaffen. Aber es war auch die Stadt der Studentenrevolution, die das »System« als Wurzel individuellen Unglücks identifizierte – also die politischen Verhältnisse, in denen wir gefangen sind. In diesem Spannungsfeld versuchen meine Figuren, dieser unsicheren Welt einen Fetzen Glück zu entreißen.

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Bella Germania
Daniel Speck

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Gebundene Ausgabe18,00 *
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Nell Killius
© Nell Killius
Daniel Speck

Daniel Speck , 1969 in München geboren, führt uns mit seinen Romanen durch Epochen und Mentalitäten zu uns selbst. Auf Reisen findet er Geschichten, Orte und Menschen, deren Schicksale ihn zu Geschichten inspirieren. Der Autor studierte Filmgeschichte in München und v ...

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