Dankesrede von Katerina Poladjan – Leipziger Buchpreis 2026
Ein aufregender Abend für unseren Verlag und eine besondere Auszeichnung für Katerina Poladjan: Für ihren Roman »Goldstrand« wurde die Autorin mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Belletristik geehrt. In ihrer bewegenden Dankesrede spricht sie über die Kraft des Erzählens in unsicheren Zeiten und die Rolle der Literatur als Ankerpunkt in einer sich wandelnden Welt.
In den vergangenen Wochen habe ich mir manchmal vorgestellt, wie ich hier und heute und an dieser Stelle einen zerknitterten Zettel aus der Tasche ziehe. Auf dem zerknitterten Zettel einige Worte: um Angemessenheit bemühte Worte, gerne anmutige Worte, Worte, die den Ernst der Lage nicht verkennen und die Leichtigkeit nicht vergessen.
Demütige und gleichsam stolze Worte über die Literatur und die Hoffnung auf ihren Platz in der Welt.
Bescheidene Worte. Worte ohne Dünkel, Worte der Mahnung, Worte für die Freiheit, nicht nur die der Kunst, für die einzutreten wir uns keine Pause erlauben können.
Das habe ich mir vorgestellt. Dann habe ich diese Vorstellung beiseitegeschoben, denn warum sollte ich diejenige sein, deren Ringen um Worte hier und heute in einer Weise ausgezeichnet wird, dass sie um Worte ringt?
Und jetzt habe ich ihn herausgezogen, diesen zerknitterten Zettel, der in meiner Tasche verborgen und vergessen war, als hätte ihn mir jemand zugesteckt.
Hier steht: »Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang aller Tage zwischen einzelnen und ganzen Gruppen.«
So beginnt das vorletzte Kapitel in Thomas Manns Zauberberg, es trägt den Titel: »Die große Gereiztheit«.
Dann steht hier der Satz: »Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen.«
Ich halte diesen Satz für wahr, und vielleicht läuft uns ein heilsamer Schauer über den Rücken, wenn wir im Jahr 2026 mit Thomas Mann einen Umweg über die Geschichte der großen Gereiztheit am Vorabend des Ersten Weltkriegs unternehmen.
Auch der der Protagonist Eli macht in »Goldstrand« weitschweifige Umwege über die Geschichte, um sich mit sich selbst und seiner Gegenwart bekannt zu machen. Dabei begegnet er den uneingelösten Versprechen der Vergangenheit, den Enttäuschungen darüber und der Frage, wie damit umzugehen wäre. Er stolpert über die Frage, ob und wie man mit Hilfe von Kunst den Zumutungen des Daseins begegnen kann. Er konfrontiert sich mit dem Zufälligen in der menschlichen Existenz, und er stößt auf die Verantwortung, die der Mensch trotz seiner schicksalhaften Geworfenheit trägt. Entgegen der verbreiteten Auffassung, Eli sei ein unzuverlässiger Erzähler, glaube ich, dass alles, was er fabuliert, wahr ist, obwohl es letztlich auf paradoxe Weise ad absurdum geführt wird. Es ist wahr auf eine Weise wie der seltsame Umstand, dass wir alle auf derselben Erdkugel herumlaufen, aber schon unsere Nachbarin in einem ganz anderen Universum lebt. Es ist wahr wie die seltsame Tatsache, dass selbst unser eigenes Ich von vor zwanzig Jahren in einer Welt gelebt hat, die heute unerreichbar weit entfernt liegt.
Mein siebenjähriges Ich wurde aus einer damals vertrauten Welt gerissen, weil meine Eltern ein System nicht mehr ertrugen, in dem Geheimdienste über Wahr und Falsch, Gut und Böse, Recht und Unrecht entschieden, ohne jemals Rechenschaft über ihre Entscheidungen abzulegen.
Nicht wenige dachten, es wird schon die Richtigen treffen, die Staatsfeinde, Radikalinskis, Feinde des Kollektivs. Aber meine Eltern waren keine Staatsfeinde, Radikalinskis, Feinde des Kollektivs. Und doch trieb sie die Angst vor der Willkür aus dem Land.
Nein, ich vergleiche hier nicht den sowjetischen Geheimdienstterror mit den jüngsten Vorgängen rund um den Deutschen Buchhandelspreis. Aber Sie müssen mir nachsehen, dass ein staatliches Handeln, das sich auf diffuse Verweise auf nicht näher benannte geheimdienstliche Erkenntnisse beruft, bei mir ein tief verwurzeltes Unbehagen und dunkle Erinnerungen weckt, dunkle Erinnerungen an eine erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht.
Aber ich erinnere mich auch an den vielbeschworenen dissidentischen Witz unter der Diktatur. An die Subversion. An den Geist, der daraus entstand und an ein Bedürfnis zum Spielerischen.
So war und ist für mich das Spiel mit Vorstellungen und Realitäten immer auch ein zivilisatorisches Projekt, ein Werkzeug des Widerständigen und der Erkenntnis – denn wenn man die Welt in der Phantasie auseinandernimmt und dann probehalber neu zusammensetzt, ergeben sich immer unerwartete Perspektiven.
Dem Roman »Zukunftsmusik« habe ich das Wort »играем« vorangestellt, es heißt »Spielen wir!« oder »Lasst uns spielen!«, und dieser Ausdruck konnte, so schien mir, nicht nur ein Schachspiel, sondern genauso einen Roman lustvoll eröffnen, der sich mit leiser Hoffnung dem ersten Tag vom Ende der Diktatur widmet.
Als jedoch das Buch 2022 in denselben Stunden in den Regalen von Buchhandlungen erschien wie die Panzer der russischen Vollinvasion in der Ukraine, erschrak ich zutiefst. Ich fragte mich, ob die Zeit des spielerischen Umgangs mit der Welt nun endgültig unangemessen geworden war. Nun, vier Jahre später, ist nichts besser geworden. Und in diesen vier Jahren habe ich mich oft gefragt: Sind wir nun vom Hohngelächter der Menschenverachtung zur Ernsthaftigkeit verpflichtet und verdammt? Oder machen wir uns im Gegenteil – wenn wir nicht mehr Witz und humanistischer Milde vertrauen – zu willfährigen Handlangern eines konfrontativen Denkens? Würden wir uns damit nicht der großen Gereiztheit hingeben, die Thomas Mann uns so eindrücklich vor Augen führt?
Was habe ich der großen Gereiztheit entgegenzusetzen?
Es ist nicht viel. Es ist vielleicht das Beharren auf eine tastende, manchmal taumelnde Betrachtung des menschlichen Daseins in seiner verwirrenden Komplexität. Es ist vielleicht ein kleines beharrliches Aufbegehren gegen Vereinfachung, Rechthaberei, Intoleranz und Selbstbezogenheit.
All das hat mich beim Schreiben von »Goldstrand« beschäftigt. Und ich bin unendlich dankbar, dass der Roman heute hier ausgezeichnet wird, denn ich fühle mich bestärkt in meinem Sehnen, den spielerischen Umgang mit der Welt in der Literatur nicht aufzugeben und dortselbst Glaubenssätze, Überzeugungen und die Schwerkraft immer wieder auf ihre Gültigkeit zu befragen.
Denn dann, davon bin ich überzeugt, kann die Literatur eine menschenfreundliche Kehrseite der brutalen Fratzen von Macht und Willkür sein, denn in der Literatur wird manchmal Unglaubliches möglich.
Ich danke der Jury und allen Menschen, die mit Hingabe und Leidenschaft Bücher machen, nennen möchte ich am liebsten alle beim S. Fischer Verlag und der Agentur Graf & Graf, beschränke mich hier jedoch mit Rücksicht auf Ihren Sektdurst auf meine Agentin Meike Herrmann, meine Lektorin Juliane Schindler und den wunderbaren Verleger Oliver Vogel.
Ich bin dankbar für die Begegnung mit den ebenso preiswürdigen Nominierten Helene Bukowski, Norbert Gstrein, Anja Kampmann und Elli Unruh.
Ich danke sehr für diesen Preis auch im Namen meines Partners Henning Fritsch, der mir in allem – auch bei Worten der Reihenfolge – zur Seite steht.
Ich danke Ihnen sehr.